Über die Zukunft der Musikindustrie
RIAA steht für “Recording Industry Association of America”. Dieser Verband vertritt alle Major-Labels in den USA: EMI, Sony, Universal Warner und Bertelsmann. So richtig bekannt wurde die RIAA allerdings erst, als die Internet-Tauschbörse Napster aufkam, die es jedem Nutzer des Internets ermöglichte, so ziemlich alle Songs, die es gibt, herunterzuladen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Napster sowie die weit verbreiteten CD-Brenner waren nun Schuld daran, dass die Verkaufszahlen der Majors so rapide in den Keller gingen. Die RIAA sagte diesen technologischen Entwicklungen den Kampf an.
Die Gründe für die schwachen Verkaufszahlen
Für die RIAA war die Sache klar: Tauschbörsen und das Kopieren von CDs waren dafür verantwortlich, dass die Kunden so wenig CDs im Laden kauften. Diverse Studien sollten dies auch belegen. Dass die CD-Verkäufe vor der Existenz von Napster und Kazaa jedoch schon im Keller waren, interessiert heute keinen mehr. Es ist möglich, dass CD-Brenner es professionellen Piraterie-Organisationen leichter gemacht haben, CDs kostengünstig zu vervielfältigen. Aber ist das der einzige Grund? Wer vor ein paar Jahren den Broadway in New York City entlang gelaufen ist, wird auch bereits damals gesehen haben, dass Unmengen an illegalen Tapes und CDs auf der Straße verkauft wurden.
Einige argumentieren auch, dass der Wechsel von Vinyl zur CD nun abgeschlossen sei und die Kunden keine CDs mehr nachkaufen. Ein ähnlicher Trend war in der IT Industrie zu beobachten. Wegen dem Jahr-2000-Problem investierten Firmen sehr viel Geld in Hard- und Software, was die IT-Industrie stark beflügelte. Nachdem das Problem gelöst war, ging es abwärts.
Die aktuelle wirtschaftliche Situation spielt sicherlich eine große Rolle. CDs sind immer noch Luxusartikel und weitaus weniger wichtig als andere lebensnotwendige Dinge. Wer also knapp bei Kasse ist oder befürchten muss, dass er demnächst auf der Straße sitzt, wird erst einmal an den Dingen sparen, die er nicht unbedingt braucht. Und CDs gehören dazu, insbesondere wenn man sie auch billig auf eine andere Weise bekommt.
Schließlich sind CDs auch unheimlich teuer. Eine DVD des Films “Chicago” kostet teilweise $15 in den USA. Damit hat man den Film, Interviews, Making-of Features und den kompletten Soundtrack. Die CD mit nur dem Soundtrack und sonst nichts kostet gerade mal $2 weniger. Universal hat bereits reagiert, indem sie die CD-Preise von $19 auf $13 setzen. Viel mehr wird da nicht drin sein, wenn man sich überlegt, welche Mittelsmänner auf dem Weg vom Tonstudio in das Regal mit abkassieren. Für den Kunden ein Tropfen auf den heißen Stein.
Schaltet man heutzutage das Radio oder einen Musiksender ein, so legt sich der Verdacht nahe, dass die Major Labels doch selbst Schuld seien, da die Musik einfach immer oberflächlicher und gleichförmiger geworden ist. Das macht Sinn, wenn man bedenkt, dass Herbert Grönemeyers letzte CD “Mensch” 2,7 Millionen mal verkauft wurde, und das trotz Tauschbörsen, CD-Brennern, Piraterie und wirtschaftlicher Situation. Woran liegt das denn? Kann es sein, dass “die neue CD von Herbert Grönemeyer zu haben” den Leuten einfach wichtiger war, als sich ein paar MP3s von ihm aus dem Internet herunterzuladen? Und wie kommt Grönemeyer zu dieser Ehre? So viel ist sicher: er wurde bestimmt nicht in irgendeiner Casting-Show entdeckt. Er hat unglaublich viele Konzerte gegeben und er ist bereits seit Jahrzehnten dabei und bekannt. Das ist nicht irgendwer.
In solche Künstler muss also erst einmal lange investiert werden, bevor es sich auszahlt. Genau das können sich die Plattenfirmen aber nicht mehr leisten. Die meisten Majors sind an der Börse notiert und es herrscht ein unglaublicher Druck, schnellen Gewinn zu machen, besonders dann, wenn man ohnehin schon seit Jahren Verluste macht. Da kommen Konzepte wie Deutschland sucht den Superstar oder Popstars gelegen. Und eins ist klar: selbst wenn die Casting-Show Welle vorbei ist (ist sie ja eigentlich schon), wird es neue Ideen geben, wie man Künstler möglichst schnell und gewinnbringend vermarkten kann. Nur werden diese nach 20 Jahren keine 2,7 Mio. Platten mehr verkaufen. Und auch ihr altes Album (wie z.B. “Bochum” bei Grönemeyer) wird zu diesem Zeitpunkt auch keine Verkaufszahlen von 10 Millionen mehr erreichen.
Im Grunde ist der Rückgang der CD-Verkäufe ein Mix aus all den genanten Gründen. Es macht keinen Sinn, sich darüber zu streiten, wer nun Recht hat. Im Grunde muss man sich Gedanken darüber machen, wie es jetzt weitergeht.
Der Kampf der Majors
Die RIAA verfolgt einen typisch amerikanischen Weg: polarisieren und mit Gewalt bekämpfen. Die Bösen sind diejenigen, die CDs kopieren und Tauschbörsen benutzen. Also muss man sie verklagen, auch wenn es sich dabei um die eigenen Kunden handelt und auch, wenn dabei 12-jährige Mädchen dran glauben müssen. Aus Erfahrung sollten sie eigentlich wissen, dass man auf längere Sicht nicht gewinnen kann, wenn man seine eigenen Kunden verklagt.
Relativ erfolgreich waren sie bei ihrer Lobby-Arbeit mit dem Gesetzgeber. Das neue Urheberrecht zum Beispiel verbietet das Benutzen von Tauschbörsen zum Kopieren von Musikstücken oder das Umgehen von Kopierschutzvorrichtungen.
Kopierschutz ist ebenfalls ein heißes Thema in der Branche. Diverse Techniken wurden bereits angewendet, um den digitalen Zugriff auf die Audio-Daten zu verhindern. Bisher gab es jedoch für ausnahmslos alle Techniken eine Möglichkeit sie zu umgehen. Aus nun ca. 30 Jahren Computer-Erfahrung wissen wir, dass es keinen Kopierschutz gibt, den man nicht knacken kann. Schutzvorrichtungen wie bei der DVD oder der X-Box, in die sehr viel Entwicklungszeit geflossen ist, waren innerhalb von Wochen bis Monaten geknackt. Nur ist dies inzwischen wie gesagt illegal. Dass das die Hacker davon abhält, es zu versuchen, bezweifle ich.
Man kann es ihnen jedoch womöglich schwer machen. So mit der gerade veröffentlichten Super Audio CD, die auf lange Sicht die normale CD ablösen soll. Es ist fraglich, ob sie sich durchsetzen wird. Aber wenn, dann ist sie wiederum so verbreitet, dass es genügend Hacker gibt, die sich mit ihr beschäftigen werden.
Die Lösung der Betriebswirtschaftler scheint die Fusion zu sein. Im Sinne von 1+1=2 sind im Moment einige Plattenfirmen dabei, sich zu verbinden oder aufzukaufen. Letztendlich kauft man dann aber nur die Künstler (denn in den meisten Fällen wird der Rest entlassen) und den Vertrieb. Das verhilft zu mehr Marktanteil, aber nicht unbedingt zu langfristig höheren Umsätzen.
Aber wenn all dies nicht hilft, wohin geht dann die Reise?
Die Aussichten für die Branche
Major Labels, wie man sie heute noch kennt, wird es höchstwahrscheinlich in dieser Form nicht mehr geben. Zumindest werden sie nicht dasselbe tun, was sie bisher taten: mit dem Verkauf von CDs Geld verdienen. Das werden nur noch diejenigen tun, die längerfristig in neue Musik investieren und es schaffen, mit der Musik eine Identität zu verbinden. Musik muss wichtig sein für die Menschen, dann sind sie auch bereit, dafür zu zahlen. Major Labels tun das nicht. Einerseits kommt hier kein schnelles Geld (Shareholder Value), andererseits wird ein A&R Manager kein Risiko mehr eingehen, wenn er bereits mit ansehen musste, wie mehrere seiner Kollegen entlassen wurden und er doch auch eine Familie zu ernähren hat. Ein kleines Label hat da schon bessere Chancen, da es flexibler und näher am Puls der Zeit ist und auch erst gar nicht so viel investieren kann und daher mehr Guerilla-Marketing betreiben muss, anstatt groß angelegte TV-Werbekampagnen zu starten.
Das ist aber alles auch gar nicht so schlimm. Unter Umständen ist das sogar besser für den Künstler sowie für den Kunden, da unter dem Strich ein großer Mittelsmann herausfällt. Die meisten Musiker machen heutzutage ohnehin das meiste Geld mit Konzerten (die Preise sind ja auch stark gestiegen) und Merchandising. Und das Erlebnis eines Live-Konzerts lässt sich nicht digital reproduzieren. Der Kunde hingegen wird seine Musik höchstwahrscheinlich billiger bekommen. Nicht mehr unbedingt in der CD-Abteilung von Saturn, sondern eventuell tatsächlich über das Internet oder höchstens per Versand bei Amazon. Oder vielleicht ganz umsonst. Eine Aufnahme wäre dann nur noch Werbemittel für ein Live-Konzert oder den restlichen Live-Style, der die Musik oder die Band umgibt. Die amerikanische Band The Grateful Dead erlaubte seiner Zeit ihren Fans, alle Konzerte aufzunehmen. Es gab ganze Aufnahmegräben vor der Bühne und riesige Tauschbörsen, auf denen Kopien von Tapes die Besitzer wechselten. Und dennoch waren die Deads eine der erfolgreichsten Bands der USA, auch aus kommerzieller Sicht.
Mein Szenario
Ich stelle mir das so vor: Der Kampf der Major Labels wird noch vier bis fünf Jahre lang so gehen. Es wird ein bis zwei große Fusionen geben. Sie werden jedoch permanent Verluste machen, über einen möglichen wirtschaftlichen Aufschwung hinaus, was dazu führen wird, dass die Muttergesellschaften (Sony, Bertelsmann, Warner, etc.) sie abstoßen werden. Das würde heißen, dass die Labels auf sich selbst gestellt sein werden. Da Labels sowieso nicht mehr sehr groß sind (die Entlassungswelle hat ja bereits begonnen), rutschen sie dann mehr oder weniger ab in die Liga der Independents (mit dem Unterschied, dass sie vielleicht noch einen größeren Vertrieb haben werden). Passen sie sich nicht der neuen Situation an, werden sie ganz aussterben, wie die Dinosaurier. Vielleicht passen sie sich an, ich bin gespannt, wie das aussehen wird.
Booking Agenturen und Promotion Agenturen werden weiterhin Geld machen, vielleicht sogar mehr als früher. Jeder wird an Konzerten mitverdienen wollen. Verlage werden Geld machen, wenn sie sich mit den Radio-Stationen und dem Fernsehen einigen können.
Aber letztendlich würde das heißen, dass die Musik wieder besser wird. Das wäre ja nur zu schön.
2 Kommentare
Siehe auch:
http://www.stopriaalawsuits.com/ — “Stop RIAA lawsuits”, mit ausführlicher Linkliste
http://www.magnetbox.com/riaa/ — RIAA Radar, “easily and instantly distinguish whether an album was released by a member of the RIAA”
[ mardön am 21.10.2003 um 15:10 | # ]
Wenn sie nix ordentliches Rausbringen sind halt die bösen raubkopierer schuld!
[ Johny am 27.8.2004 um 08:38 | # ]
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