Midnight Cowboy (1969)
Am schönsten ists immer woanders; der Traum nach einem besseren Leben, seis in New York oder Florida. Joe Buck (John Voight), ein junger naiver Kleinstädter mit höflichen Umgangsformen (”Ma’am”) und klassischen Moralvorstellungen zieht von Texas nach New York und wird mit einer kalten, egoistischen Welt konfrontiert.
Der Hillbilly Stud trifft den italienischen Tagedieb Enrico Salvatore “Ratso” Rizzo (Dustin Hoffman), sie bleiben aneinander hängen, leben am Rande der Existenz, immer knapp davor kleine Erfolge zu erzielen. Dog or President. Eine ungleiche Beziehung, in der Ratso als abgebrühter Großstädter die psychologische Oberhand besitzt, aber beide voneinander abhängig sind, keiner alleine durchhalten will. Eine Beziehung um der Einsamkeit zu entfliehen. Geplant als Verbindung aus “Looks” und “Management”, also als Geschäftsbeziehung, aber in Wirklichkeit viel existenzieller.
Joe Buck will mit dem Liebe machen Geld verdienen, spricht wohlhabende Frauen auf der Straße an, erlebt einige Tiefschläge, will aber den Glauben an sich nicht aufgeben. Charakteristisch für den Verlauf der Geschichte bereits Joes erste “Kundin” in der City, eine kaltherzige New Yorkerin die mit ihm in die Kiste springt, dann ausflippt als er nett bittet bezahlt zu werden, schließlich hat er Mitleid mit ihr und gibt ihr selbst Geld.
In Rückblenden Hinweise auf schmerzhafte Erlebnisse in Joes Vergangenheit, Misshandlungen, Kampf, Vergewaltigung, Konflikt mit dem Glauben, der Kirche, eine verlorene große Liebe, Flucht. Interessant: die Erinnerungen an sein Mädchen bestehen ausschließlich daraus, dass sie ihn anbetet, sie Sex haben — siehe auch seine Aussage: “I like the way I look. Makes me feel good. It does. And women like me, goddamit! Hell the only thing I’ve ever been good for is lovin’!”, d.h. sein Mädchen ist auch Symbol für einen verlorengegangenen Teil in ihm selbst, Teil seines Selbstbildes.
Von Anfang an starke Bildsprache, gute Metaphorik, viele nebensächliche Dinge ergänzen und illustrieren die Handlung (z.B. die Schaufenster, Blicke und Bewegungen in Szenen in denen Joe Frauen hinterherjagt), Geschichte und Setting bilden eine Einheit. Exzellente Schauspieler (v.a. Voight und Hoffman, aber auch die zahlreichen Nebenrollen).
Ständiges Thema ist Homosexualität, als Bedrohung, als Albtraum, als Auslöser von Glaubenskonflikten; Sexualität als Machtinstrument, Szenen von aufdringlichen Schwulen; das Infragestellen der eigenen Männlichkeit.
Toll wie in einer orgiastischen Party-Szene New Yorker Avantgarde-Hipster dargestellt werden; die Besucher der Party werden auf der Straße “gecastet”, ein schönes Bild für die professionelle Oberflächlichkeit der Hipness, die Fixierung auf die Inszenierung des eigenen und öffentlichen Lebens, das Leben im Überfluss. Und Joe ist fasziniert, bekommt Drogen angeboten, verschmilzt im Rausch mit der Leinwand, vor der Kamera, beobachtet und wird beobachtet, lässt sich blenden; während Ratso, schmutzig, stinkend, stehlend, ein Außenseiter bleibt.
Trotz der bedrückenden Handlung ein schöner Film, wehmütige Mundharmonikamusik von Jean Thielemans, die traurigen, sprechenden Augen von Joe Buck, sein großes Herz.
Das einzige was nicht so wirklich mithalten kann ist Dustin Hoffmans halbguter NY-Italian-American-Akzent. Verschmerzbar.
Direkt davor den schlechten Death Wish mit Charles Bronson gesehen, kein Vergleich. So sollen Filme sein! Äußerst sehenswert.
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