Bauwut in Berlin

Also eine Sache kann ich an Berlin überhaupt gar nicht leiden: Berlin besteht nur aus Baustellen!

In meinem Hinterhof: Seit zwei jahren presslufthämmern sie, werfen Gegenstände aus dem vierten Stockwerk, bauen Gerüste auf und ab. Vor meinem Büro: Mindestens einmal im Jahr decken sie Dächer ab und wieder auf, erneuern den Hof oder renovieren die Hauswand. Auf dem Weg zur Arbeit: Schienenersatzverkehr hier, Schienenersatzverkehr da und trotzdem scheint das Fahrerlebnis in den letzten 80 Jahren nicht angenehmer geworden zu sein. Selbst auf dem Weg zum Mittagessen und zurück: Seit vier Jahren wurde hier vier Mal der gesamte Gehweg einmal aufgerissen und wieder zugemacht, sei es für die Gasleitung, die Wasserleitung oder für neue Kommunikationsleitungen.

Und warum müssen die Bauarbeiter immer um Punkt 7 Uhr mit den lautesten Tätigkeiten anfangen, wenn sie dann ohnehin um 8 Uhr schon wieder eine lange Kaffeepause einlegen? Ich würde mich freuen, wenn sie den Kaffee um 7 trinken und um 8 uhr mit ein paar leiseren Arbeiten beginnen. Zumindest die in meinem Hinterhof vor meinem Schlafzimmer.

Berlin kann es gar nicht so schlecht gehen, zumindest nicht der Baubranche. Manchmal erscheint es mir so, als werden hier einfach Aufträge generiert, ohne dass viel über Sinn und Zweck nachgedacht wird. Zu den Zeiten, als der Potsdamer Platz noch als die tollste Baustelle Europas gehandelt wurde und das wiedervereinigte Berlin gerade entstand, war das ja noch akzeptabel. Aber Berlin ist nun (einigermaßen) wiedervereinigt, was gibt es da noch zu bauen?

Und da soll jetzt keiner sagen, dass es hier eben nicht so sein kann wie auf dem Dorf. Ich habe vor Berlin in einer 2 Millionen-Stadt gewohnt und da gab’s nicht annähernd viel zu bauen wie hier. Und wenn doch – denn wirklich wissen kann ich es ja nicht – dann habe ich als normaler Bürger davon kaum etwas mitbekommen. Vielleicht wurde da einfach einmal richtig gebaut?

Na gut, möglicherweise gibt es da überirdische Vorgänge, von denen ich nichts verstehe. Vielleicht kann man all diese Bauarbeiten nicht vermeiden. Dann würde ich mir aber zumindest wünschen, dass man etwas Schönes baut. Aber das ist in Berlin auch nicht möglich. Alle größeren neuen Gebäude sehen so hässlich aus. Ich habe einfach noch niemanden getroffen, der sie gut findet. Sie scheinen alle von außen komplett aus Glas zu bestehen. Blaues, reflektierendes, kaltes Glas. Das soll irgendwie modern wirken. Unsere Architekten scheinen aber nicht zu verstehen, dass “modern” immer an eine bestimmte Zeit gebunden ist. Was heute modern ist, ist übermorgen potthässlich. Beliebtes Beispiel: Der Palast der Republik. Dramatischstes Beispiel: Die Plattenbauten im Osten (die waren mal sehr modern und jeder wollte darin wohnen). Wie wäre es, wenn man anstatt etwas “Modernem” etwas “Schönes” baut? Vielleicht sogar etwas, das sich in das restliche Stadtbild eingliedert? Aber dazu fehlt den Deutschen wohl die Vorstellungskraft (die wir offensichtlich mal hatten).

Ich dachte mir dann immer: Vielleicht sind die inneren Werte wichtiger als die äußeren. Mehr Glas = mehr Helligkeit = mehr Glückshormone = mehr Produktivität. Aber von innen ist alles genauso trist wie von außen. Erst gestern habe ich wieder jemanden kennengelernt, der im Sony Center am Potsdamer Platz arbeitet. Er sagte, es sei ganz schön deprimierend, in diesem Glasgebäude zu arbeiten. Da helfe auch eine Pflanze nur wenig. Also hier mein Appell:

Baut nur, wenn es absolut nötig ist! Und wenn Ihr baut, dann vorausschauend, nichts äußerlich Modernes, sondern etwas Schönes!

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