Monatsarchiv für Mai, 2007

Straßenmusiker in Berlin

Die Belästigung durch Straßenmusiker insbesondere in Berlin Mitte bzw. Prenzlauer Berg hat in den zwei Jahren extrem zugenommen. Ich nehme hier ohne Scheu das Wort “Belästigung” in den Mund, weil es wirklich rein gar nichts mehr mit Unterhaltung zu tun hat. Heute saß ich eine dreiviertel Stunde in einem Restaurant und musste mir währenddessen sage und schreibe vier MalBésame Mucho” auf dem Akkordeon anhören. (Wahrscheinlich eher 12 Mal, da das Stück ja vor jedem Restaurant in der Umgebung wiederholt wurde.) Und kein einziger der spielenden Osteuropäer konnte das Stück auch nur ansatzweise richtig spielen. Weder die Akkorde (meistens wurde nur ein einziger, zufällig ausgewählter Akkord dazugedrückt) noch die Melodie. Und das, obwohl diese Typen dasselbe Stück doch den ganzen Tag zum Besten geben.

Als ich vor sechseinhalb Jahren hier ankam, gab es auch Straßenmusiker, aber die Vielfalt war weitaus größer. Auf den Straßen spielten Gitarristen, in der U-Bahn sangen Afroamerikaner, in den Parks spielten zum Teil richtig gute Bands oder Alleinunterhalter. Die Qualität ließ damals auch oft zu wünschen übrig, aber die Vielfalt machte das wieder wett. Der Großteil dieser Musiker sind verschwunden. Ich habe daraufhin vor kurzem einen dieser “alten Garde” befragt. Er sagte, es sei als Gitarrist inzwischen unmöglich irgendwo zu spielen, weil diese osteuropäischen Familien so viel Lärm mit ihrer Musik machen, dass es keinen Sinn mehr macht für ihn. Traurig.

Ein paar Mal habe ich es erlebt, dass ein Barbesitzer diese Gruppen verscheucht hat. Für die Kunden war er jedes Mal der Held des Tages. Die Leute waren so dankbar wie ich es selten gesehen habe. Also bin ich nicht der einzige, dem das auf die Nerven geht. Also dachte ich mir bisher, dass Angebot und Nachfrage das Problem von selbst lösen würde. Wenn niemand Geld gäbe, würden sie schon verschwinden. Leider gibt es immer mindestens einen, sagen wir, bayerischen Touristen, der zwei Euro in den Becher wirft, weil er die Musik so toll findet oder weil er einfach das Geld hat. Auch im Restaurant heute setzte sich kurz vor dem vierten Akkordeonisten ein neuer Gast zu uns. Und genau der gab dann das Geld. Also wird uns “Bésame Mucho” die nächsten Jahre nicht erspart bleiben… Mal ganz abgesehen von Obdachlosenzeitungsverkäufern, Zeitungsabonnementwerbern, Rosenverkäufern und sonstigen Bettlern, von denen ich hier gar nicht anfangen will. Da bin ich ja sowieso schon ganz schön abgestumpft.

Update (29.7.2007): Bei den meisten Musikern handelt es sich offenbar um Rumänen. Und auch die Empfehlung des Experten ist: Nichts geben.

Castings

Habe gerade gesehen, dass die Single des DSDS-Gewinners Mark Medlock bereits in der zweiten Woche auf Platz 1 der deutschen Charts ist. Und das erinnert mich an Tobias Regner, mit dem ich mich letztes Jahr über seine Zukunftspläne unterhielt. Und obwohl seine Einschätzung noch relativ realistisch klang (”Mal sehen. Erst mal mache ich einen Motorrad-Führerschein, dann sehen wir weiter.”), hatte wohl keiner vermutet, dass der Absturz so schnell kommen würde. Aus seinem Band-Umfeld wurde mir berichtet, dass ein größer angelegtes Konzert (Halle für ca. 3.000 Leute) in der Nähe seines Heimatorts von lediglich 28 Leuten besucht wurde. Auf Regners letztjährigen Tour waren in derselben Gegend (”Teisendorf”) über 4.000 Zuschauer anwesend. In aktuellen Interviews ist verständlicherweise ein wenig die Enttäuschung herauszulesen.

Dem zweitplatzierten Mike-Leon Grosch erging es nicht anders. Er ist noch im selben Jahr von seiner Plattenfirma “gedroppt” worden, obwohl er mir (auch letztes Jahr) noch klarzumachen versuchte, dass “es hauptsächlich auf einen selbst ankommt, ob man es längerfristig schafft oder nicht”. Mike spielt jetzt mit seiner Cover-Band auf Firmenauftritten. Auch Alexander Klaws traf ich letztes Jahr, und der schien noch mitten im Versuch zu stecken, da etwas retten zu wollen. Nach einem Engagement im Musical-Bereich will er ein neues Album aufnehmen. (Hat jemand was von seinem letzten Album gehört?) Und mit “Monrose” ist es ja wohl auch vorbei. Beziehungsweise wer kennt denn noch “Nu Pagadi”, “Preluders” oder “Overground”? So viel dazu.

Ich verstehe es dann immer noch nicht, warum immer noch so extrem viele Menschen bei diesen Castings mitmachen. Und vor allem, warum nach so vielen Jahren die Teilnehmer immer noch nicht verstanden haben, dass das nicht länger als bis zur nächsten Staffel hält. Das Kurzzeitgedächtnis scheint hier besonders ausgeprägt zu sein. Und zwar nicht nur bei den Künstlern, sondern auch in der Branche. Ich erinnere mich, wie bei Tobias Regner die Musikbranche noch groß gerätselt hatte, ob das nun derjenige ist, der es länger schafft. Aber spätestens auf den ersten Konzerten war es dann zu sehen: Das Publikum war 1:1 das RTL-Publikum. Die hatten nichts mit Musik am Hut. Auch nicht wirklich mit der Person Tobias Regner. Die Konzerte waren eine Verlängerung der Show. Aber “The show must go on”. Die Fußball-WM löste die DSDS-Hysterie ab und jetzt gibt es schon einen neuen DSDS-Gewinner. So ist das halt.

Auch wenn das für die Sänger sicherlich eine Zeit lang spannend war (und für kurze Zeit auch monetär belohnt wurde), wenn es jemandem darum geht, eine Gruppe von Fans über einen längeren Zeitraum zu halten, ist der herkömmliche Weg mit eigener Band und eigener Musik wohl immer noch der bessere. Auch bei Tobias Regner wären dann sicherlich mehr als 28 Leute zum Konzert gekommen.