Übertriebene Sicherheit

Ich habe für meinen Sohn bei der ING DiBa eingerichtet, denn seine Großeltern wollen monatlich per Sparplan in einen Fonds einzahlen. Und so lief es ab:

  • Alle Formulare ausfüllen
  • Zur Post gehen, einen Ident-Antrag stellen
  • Alles einschicken, warten
  • Es kam jede Menge Post, aber keine Informationen zum Online-Banking.
  • Ein paar Wochen später kam ein Brief, man könne sich doch auch zum Online-Banking anmelden. Gesagt, getan.
  • Online-Infos, PIN und iTan-Liste kamen irgendwann an.
  • Online eingeloggt.
  • PIN muss geändert werden. Dazu iTan eingeben.
  • DiBa-Key (was ist das denn?) muss geändert werden, geht nur per Maus, nicht per Tastatur. Dazu iTan eingeben.
  • DiBa-Key darf nicht gleich dem PIN sein. Nochmal versuchen. Dazu neue iTan eingeben.
  • Endlich online.
  • Kein Kauf von Wertpapieren möglich. Ich soll anrufen.
  • Ich rufe an.
  • Bitte Kontonummer eingeben.
  • Nein, nicht die Depotnummer. Die Kontonummer.
  • Ordner mit Unterlagen rausgeholt, gesucht, Kontonummer eingegeben.
  • Nun Telefonbanking-PIN eingeben.
  • Ich will direkt zum Kundenservice. Das ist die “7″.
  • Alles erklärt. Sind nicht zuständig. Ich werde an die Depot-Abteilung weitervermittelt.
  • Die Frau erklärt, dass man fürs Internet-Banking PIN und DiBa-Key braucht. Zur besseren Sicherheit (ich fühle mich mit einem PIN und der iTAN-Liste auch sicher genug). Da das Konto für einen Minderjährigen ist, kann ich online aber nichts tun. Als ob mein 11 Monate alter Sohn die PIN, den DiBa-Key und iTAN-Liste findet und kurzerhand online in Hedgefonds investiert…
  • Ich nenne ihr meine Order. Ein einfacher Sparplan. Ein gängiger Fonds.
  • Ich habe aber angeblich nicht genügend Erfahrung für eine solche Order. (So ein Quatsch.)
  • Ich darf es trotzdem.

Ich glaube, das war mein letztes Depot bei der ING DiBa.

Auf dem Web Montag in Berlin

Um mir einen Überblick über die Start-up Szene von Berlin zu verschaffen, habe ich gestern zum ersten Mal einem Branchentreffen beigewohnt: dem Web Montag. In ungezwungener Atmosphäre traf man sich hier zum plaudern, diskutieren und präsentieren. Präsentiert wurden zwei Projekte, keiala und Vizeo. Nicht die originellsten der Ideen, aber dennoch interessant zu sehen, wer hinter und wieviel Arbeit in solchen Projekten steckt. Darüber hinaus wurde kurz das Programm der re:publica vorgestellt.

Für mich war in erste Linie interessant, was für Leute Start-ups gründen und was für Leute auf solche Treffen gehen (das ist nicht dieselbe Menge). Unter den Gründern waren viele Leute, die man aus dem Informatikstudium kennt. Meistens aber, und das ist wohl schwer zu erraten, nicht diejenigen Informatiker, die man doch immer bei Siemens oder T-Systems enden gesehen hat, sondern eher die Mutigen unter ihnen. Die beiden Präsentatoren waren Macher. Junge, mittellanghaarige Typen in Kapuzenpullis, die Ideen nicht lange diskutieren, sondern schnell loslegen. Im Publikum saßen weitere Gründer, etwa der ruhigere Typ, der mit einer Erbschaft als Fallnetz Vollzeit an seinem Webprojekt arbeitet. Aber auch Gründer ohne Informatikhintergrund waren anwesend. Teils bereits mit Wagniskapital, teils noch auf der Suche. Interessant fand ich, dass die meisten ihr Start-up alleine verkörpern. Manch einer hat wohl mit einem Team angefangen. Oftmals haben sich die vermeintlichen Partner jedoch frühzeitig aus dem Projekt verabschiedet. Das größte Problem für ein junges Start-up scheint zu sein, die richtigen Leute zu gewinnen. Man konkurriert nicht wie im Silicon Valley mit 1.000 anderen Start-ups oder mit Google, sondern mit der deutschen Einstellung zum Beruf, deren Beschreibung für die meisten Menschen eher selten die Worte “Risikofreudigkeit” und “Unternehmertum” enthält.

Als störend empfand ich jedoch einige Leute im Publikum, die auf eine ziemlich arrogante Art meinten die Präsentatoren und ihr Projekt runtermachen zu müssen. Da fielen dann mitunter so Sprüche wie “Die letzte Reihe fragt sich gerade, was für ein Ziel Du verfolgst. Beschreib das mal. Und bitte in nicht mehr als fünf Sätzen!” oder “Wir haben jetzt die ganze Zeit getwittert und fragen uns, wo bei deiner Website der Mehrwert steckt.” (Ja, tatsächlich saßen im Publikum mehrere Zuhörer, die permanent auf ihren Laptop starrend online kommentiert oder wohl auch gelästert haben.) Da bin ich aus Nordamerika doch eine positivere Einstellung gewöhnt, bei der Fragen konstruktiv gestellt werden. Einigen potentiellen zukünftigen Präsentatoren dürfte dabei gestern wohl die Lust vergangen sein.

Dennoch, interessant war der Web Montag allemal. Ich habe mich letztendlich mit netten Gründern unterhalten und sicher auch die eine oder andere Sache gelernt.

Die Bands der Zukunft

Vier Jahre sind vergangen seit meinem Artikel über die Zukunft der Musikindustrie. Und ein Großteil der Vorhersagen sind eingetroffen. Oder zumindest sind wir mehr als je zuvor auf dem Weg dahin. Im Jahre 2008 redet also jeder davon, dass alles dahin tendiert, dass Musik umsonst sein wird. Es lässt sich technisch, politisch oder rechtlich nicht vermeiden, dass Musik heruntergeladen wird, ohne dafür zu bezahlen. Die Technologie-Experten meinen ganz gut zu wissen, wie das in Zukunft läuft: Die Plattenfirmen sollen endlich einsehen, dass der aktuelle Trend zur Gratis-Musik unumkehrbar und unvermeidbar ist. (Recht haben sie.) Und für die Künstler gehe das Leben doch auch weiter: Musik einfach umsonst hergeben (denn das sei ja Promotion) und von Konzertgagen leben. Momentan berühmte Künstler unterstützen diese Ansicht mit ihren Experimenten. Radiohead, Madonna oder NINs Trent Reznor werden natürlich immer genügend Geld mit Konzerten machen. Aber wie verhält sich das bei den kleinen Bands? Oder denjenigen Künstlern, die das Potential haben, die das große Publikum aber noch nicht erreicht haben?

“Promotet eure Band mit MP3s, die ihr umsonst auf eurer Website (oder MySpace) zur Verfügung stellt!” lautet die Aufforderung. Gut gemeint, leider sehr realitätsfern. Fast alle (unbekannten) Bands, die ich kenne, machen genau das schon seit Jahren. Sind sie deswegen berühmt und können große Gagen einfahren? Selbst die bekannten Bands profitieren hier nicht so, wie man das denkt. Nehmen wir eine Band wie die “Beatsteaks” (die sicherlich gut von ihren Konzerten leben können). Ihre MySpace-Seite existiert seit zweieinhalb Jahren. Der MySpace-Musikplayer zeigt ca. eine Million Total Plays an. Downloads Today: 0. Plays Today: 113. Eine Million Plays in zweieinhalb Jaren? Für die Beatsteaks? Das ist doch eher mickrig. Bei einem größeren Radiosender hat man schon mit einer Handvoll Einsätzen eine Million Hörer erreicht, vielleicht sogar an 2-3 Tagen. (Ein Auftritt bei “Wetten dass…?” erreicht über 10 Millionen Zuschauer.) Und wie sieht das dann erst bei der kleinen Band XYZ aus Hintertupfingen aus, die noch nicht so bekannt ist?

XYZ haben sicher eine MySpace-Seite und geben ihre Songs zum Download frei. Vielleicht haben sie auch die Chance, in einem Jugendclub oder einer Bar aufzutreten. Gibt es dort Gagen, von denen sie leben können? Sicher nicht. Es ist sogar noch etwas verschärfter: Wollen sie außerhalb Hintertupfingen spielen, fallen Kosten an für Auto/Bus, Benzin, Übernachtung und Essen. Bei einem Konzert, das nur 100km entfernt stattfindet, sind das bis zu 500 EUR, die ausgegeben werden müssen. Kein Veranstalter bezahlt 500 EUR Festgage für eine Band, von der er nicht mit absoluter Sicherheit weiß, dass sie genügend Zuschauer mitbringen. So etwas setzt also eine gewisse “Berühmtheit” voraus.

Also wie wird man “berühmt”? (Und damit kann auch schon “lokal bekannt” gemeint sein.) Das ist die Kernfrage und letztendlich das, womit sich die großen Plattenfirmen tagtäglich beschäftigt haben. Das ist komplex und bestimmt nicht einfach. (Sonst wäre ja jeder berühmt.) Insbesondere kostet das Geld und Manpower: Radiopromotion, Pressepromotion, TV-Promotion, Internet-Promotion, Marketing-Kooperationen, Support-Touren. Das haben die Plattenfirmen bisher bezahlt. Das Geld bekamen sie durch den Verkauf von CDs wieder rein. Man kann es drehen wie man will: Ohne diese Promotion bleibt eine national unbekannte Band eine national unbekannte Band. (Übrigens bleibt sie das oft genug auch mit dieser Promotion.) Und als national unbekannte Band gibt es keine Gagen, von denen man leben kann. Coverbands sind da eine Ausnahme.

Um diejenigen, die bereits berühmt sind, brauchen wir uns ohnehin keine Sorgen zu machen. Die haben schon ausgesorgt oder werden leicht neue Modelle finden Geld zu verdienen. Es sind die (noch) kleinen Bands, die Schwierigkeiten haben, in dieser neuen Musikwelt nach oben zu kommen. Insofern geht mir die aktuell gängige Meinung der Technologie-Experten persönlich sehr stark an der Realität vorbei. Folgende Frage bleibt in der aktuellen Diskussion unbeantwortet: Wie kann sich in der heutigen Medienwelt eine unbekannte Band so promoten, dass sie den Bekanntheitsgrad erreicht, der es ihr erlaubt, Gagen zu verlangen, von denen sie leben kann? Das sage mir mal einer.

Ihr Gewinn: Eine Email-Adresse!

Habe auf einer Mineralwasser-Flasche der Marke “Spreequell” folgenden Text entdeckt (Hervorhebungen von mir):

Spreequell Gewinnspiel

Also nochmal im Klartext: Zu gewinnen gibt’s einen von 10 Vaio Laptops. Ok. Und wer nicht so viel Glück hat, kann eine Email-Adresse gewinnen! Da der Betreiber in seinem Lager nur 1.000 Email-Adresse vorrätig hat, sind diese Adressen extrem wertvoll! Und das Beste an der Sache: Ein Jahr lang ist die Email-Adresse auch noch kostenlos! Danach also entweder zahlen (für den “Profi-Zugang” EUR 5,90 pro Monat) oder allen Freunden mitteilen, dass die Email-Adresse nun zu Ende ist. Der Zugang bietet Platz für 1GB Emails.

Bei Google, Hotmail, Yahoo! und etlichen anderen Anbietern bekomme ich teilweise bis zu 4GB gratis, jederzeit, so viele ich möchte,
so lange ich möchte. Und das ohne auch nur einmal eine persönliche Information angeben zu müssen. Aber ich verstehe: Da steckt nicht das Wort “Berlin” in der Domain, und das macht schon was her. Was auch super ist: berlin.de ist die offizielle Website der Landesregierung Berlin. Da liegen meine privaten Emails also gleich schon bei der Regierung. Vielleicht erspart mir das den Bundestrojaner.

ps. Die Adresse “mein.Name@berlin.de” scheint tatsächlich noch frei zu sein. Was passiert mit den Gewinnen, wenn ich die jetzt schon registriere…?

Bar: Walden, Choriner Str. 35, Prenzlauer Berg

Das Walden muss wohl schon lange existiert haben. Draußen wächst schon seit vielen Jahren das Grün über die Tür und die Fenster dieser Bar. Ich bin schon unzählige Male an ihr vorbeigegangen, war aber vor kurzem zum ersten Mal zu Besuch. Meine Begleiterin nannte den Laden “das Gegenteil von stylisch”. Man trifft hier vorwiegend “älteres” Publikum, sagen wir, zwischen 35 und 50. Das “Walden” kann auch relativ sicher als eher links von der Mitte bezeichnet werden, als manch Cocktailbar in der Gegend (ich denke immer unweigerlich an den typischen taz-Leser). Die Bedienung trug eine Hose mit Tigermuster. Wir wurden sehr freundlich bedient und das Essen war sehr lecker (hier: warmer Ziegenkäse im Serranomantel auf buntem Salat für 5,10€). Das Steak ist angeblich auch sehr gut.

Das Walden

Der Heiße Schokolade mit Sahne Index liegt bei sagenhaften 2,10€ und man bekommt eine sehr große Tasse dafür. Es gibt übrigens auch eine ganz gute Auswahl an Whiskeysorten. Es lief den ganzen Abend eine Art kubanischer Hip Hop / Soul. Die Lokalität war mittelmäßig verraucht, erträglich.

Heiße Schokolade mit Sahne für 2,10€

Abschließend würde ich sagen, dass das “Walden” ein guter Ort ist, an den man sich begeben kann, wenn einem der ganze Trendkram in Mitte / Prenzlauer Berg gerade auf die Nerven geht. Hier bleibt man davon verschont.

Weg mit “Next”, wir wollen den ganzen Text!

Ich plädiere für eine Abschaffung von “Next” Buttons bzw. Links. Es gibt für mich keinen erkennbaren Grund, warum man einen Online-Artikel auf mehrere Seiten verteilen muss. Eine Zeit lang war das Argument, dass man zu lange Ladezeiten hätte. Das ist völlig absurd. Jedes Bild auf einer Website ist über 100 Mal so groß wie der Text der Website. Das zweite Argument war, dass die Benutzer nicht gerne scrollen. Das gilt auch schon seit Jahren als veraltet. Es ist ausreichend beobachtet worden, dass Benutzer kein Problem mit Scrollen mehr haben. Das Warten darauf, dass der nächste Abschnitt eines Textes geladen wird, ist da deutlich unangenehmer. Man kann auch auf Seiten wie Digg sehen, dass in den Kommentaren oft zu einer One-Page Variante gelinkt wird, viele Benutzer diese Variante bevorzugen.

Der Höhepunkt jedoch sind die Bildergallerien wie z.B. auf Spiegel Online und Sueddeutsche.de. Da muss man auf jedes Bild mehrere Sekunden warten. Die meisten von uns haben inzwischen einen Breitbandanschluss. Warum dann nicht alle Bilder auf eine Seite?

Die G-8 Absurdität

Es wurde schon so viel über G-8 geschrieben, aber irgendwie mehr über Demonstranten und Zäune und wenig über Inhalte. Und das, was geschrieben wurde, verwirrt mich vollends. Überhaupt sind die Interessen und der Sinn der Absichten doch gar nicht klar. Also zusammengefasst:

Die Regierenden der G-8 Staaten wollen Afrika helfen und beschließen Hilfe-Pakete in Millarden-Höhe.

Den sogenannten “Experten”, vorwiegend Hilfswerke, Bob Geldof und Bono, ist das zu wenig beziehungsweise sie kritisieren, dass nur beschlossen wurde, was bereits vorher beschlossen wurde.

Keiner fragt Afrika selbst. Die dortigen Experten sagen nämlich, dass diese Gelder Afrika kaputt machen und nur ein Stop solcher “Hilfeleistungen” Afrika helfen könne.

Dennoch gibt es afrikanische Länder, die nach Geld fragen. Das seien aber nur die Politiker, die dieses Geld bunkern oder anderweitig verwenden. Die Bewohner hätten da wenig bis nichts davon. Im Gegenteil, Afrika wird zum Bettler, anstatt sich selbst aus der Patsche zu helfen.

Mal abgesehen von den Demonstranten, von denen man überhaupt nicht weiß, was sie wollen. Vielleicht Anarchie oder sowas.

Also wie müsste das Weltbild denn richtig sein? So wie ich das verstehe, müsste man tatsächlich die monetären Hilfen an Afrika stark einschränken und ihnen stattdessen den Handel erlauben (Einfuhrzölle reduzieren usw.). Das würde aber die Existenz diverser Berufsgruppen in Deutschland gefährden. Und das kommt wieder auf die Politiker zurück, die Wählerstimmen verlieren würden. Also hält man z.B. die deutschen Bauern künstlich am Leben und schickt stattdessen ein paar Millarden Euro nach Afrika, mit denen sich korrupte Politiker große Schlösser bauen und die wiederum in die Pharma-Industrie fließen (AIDS-Hilfe).

Und weil man wahrscheinlich weiß, dass das Nonsense ist, versucht man diese Gelder tatsächlich zu reduzieren und beschließt Hilfepakete, die bereits beschlossen wurden.

Am Ende macht sich Bono zum Affen.

Oder wie sehe ich das?

Straßenmusiker in Berlin

Die Belästigung durch Straßenmusiker insbesondere in Berlin Mitte bzw. Prenzlauer Berg hat in den zwei Jahren extrem zugenommen. Ich nehme hier ohne Scheu das Wort “Belästigung” in den Mund, weil es wirklich rein gar nichts mehr mit Unterhaltung zu tun hat. Heute saß ich eine dreiviertel Stunde in einem Restaurant und musste mir währenddessen sage und schreibe vier MalBésame Mucho” auf dem Akkordeon anhören. (Wahrscheinlich eher 12 Mal, da das Stück ja vor jedem Restaurant in der Umgebung wiederholt wurde.) Und kein einziger der spielenden Osteuropäer konnte das Stück auch nur ansatzweise richtig spielen. Weder die Akkorde (meistens wurde nur ein einziger, zufällig ausgewählter Akkord dazugedrückt) noch die Melodie. Und das, obwohl diese Typen dasselbe Stück doch den ganzen Tag zum Besten geben.

Als ich vor sechseinhalb Jahren hier ankam, gab es auch Straßenmusiker, aber die Vielfalt war weitaus größer. Auf den Straßen spielten Gitarristen, in der U-Bahn sangen Afroamerikaner, in den Parks spielten zum Teil richtig gute Bands oder Alleinunterhalter. Die Qualität ließ damals auch oft zu wünschen übrig, aber die Vielfalt machte das wieder wett. Der Großteil dieser Musiker sind verschwunden. Ich habe daraufhin vor kurzem einen dieser “alten Garde” befragt. Er sagte, es sei als Gitarrist inzwischen unmöglich irgendwo zu spielen, weil diese osteuropäischen Familien so viel Lärm mit ihrer Musik machen, dass es keinen Sinn mehr macht für ihn. Traurig.

Ein paar Mal habe ich es erlebt, dass ein Barbesitzer diese Gruppen verscheucht hat. Für die Kunden war er jedes Mal der Held des Tages. Die Leute waren so dankbar wie ich es selten gesehen habe. Also bin ich nicht der einzige, dem das auf die Nerven geht. Also dachte ich mir bisher, dass Angebot und Nachfrage das Problem von selbst lösen würde. Wenn niemand Geld gäbe, würden sie schon verschwinden. Leider gibt es immer mindestens einen, sagen wir, bayerischen Touristen, der zwei Euro in den Becher wirft, weil er die Musik so toll findet oder weil er einfach das Geld hat. Auch im Restaurant heute setzte sich kurz vor dem vierten Akkordeonisten ein neuer Gast zu uns. Und genau der gab dann das Geld. Also wird uns “Bésame Mucho” die nächsten Jahre nicht erspart bleiben… Mal ganz abgesehen von Obdachlosenzeitungsverkäufern, Zeitungsabonnementwerbern, Rosenverkäufern und sonstigen Bettlern, von denen ich hier gar nicht anfangen will. Da bin ich ja sowieso schon ganz schön abgestumpft.

Update (29.7.2007): Bei den meisten Musikern handelt es sich offenbar um Rumänen. Und auch die Empfehlung des Experten ist: Nichts geben.

Castings

Habe gerade gesehen, dass die Single des DSDS-Gewinners Mark Medlock bereits in der zweiten Woche auf Platz 1 der deutschen Charts ist. Und das erinnert mich an Tobias Regner, mit dem ich mich letztes Jahr über seine Zukunftspläne unterhielt. Und obwohl seine Einschätzung noch relativ realistisch klang (“Mal sehen. Erst mal mache ich einen Motorrad-Führerschein, dann sehen wir weiter.”), hatte wohl keiner vermutet, dass der Absturz so schnell kommen würde. Aus seinem Band-Umfeld wurde mir berichtet, dass ein größer angelegtes Konzert (Halle für ca. 3.000 Leute) in der Nähe seines Heimatorts von lediglich 28 Leuten besucht wurde. Auf Regners letztjährigen Tour waren in derselben Gegend (“Teisendorf”) über 4.000 Zuschauer anwesend. In aktuellen Interviews ist verständlicherweise ein wenig die Enttäuschung herauszulesen.

Dem zweitplatzierten Mike-Leon Grosch erging es nicht anders. Er ist noch im selben Jahr von seiner Plattenfirma “gedroppt” worden, obwohl er mir (auch letztes Jahr) noch klarzumachen versuchte, dass “es hauptsächlich auf einen selbst ankommt, ob man es längerfristig schafft oder nicht”. Mike spielt jetzt mit seiner Cover-Band auf Firmenauftritten. Auch Alexander Klaws traf ich letztes Jahr, und der schien noch mitten im Versuch zu stecken, da etwas retten zu wollen. Nach einem Engagement im Musical-Bereich will er ein neues Album aufnehmen. (Hat jemand was von seinem letzten Album gehört?) Und mit “Monrose” ist es ja wohl auch vorbei. Beziehungsweise wer kennt denn noch “Nu Pagadi”, “Preluders” oder “Overground”? So viel dazu.

Ich verstehe es dann immer noch nicht, warum immer noch so extrem viele Menschen bei diesen Castings mitmachen. Und vor allem, warum nach so vielen Jahren die Teilnehmer immer noch nicht verstanden haben, dass das nicht länger als bis zur nächsten Staffel hält. Das Kurzzeitgedächtnis scheint hier besonders ausgeprägt zu sein. Und zwar nicht nur bei den Künstlern, sondern auch in der Branche. Ich erinnere mich, wie bei Tobias Regner die Musikbranche noch groß gerätselt hatte, ob das nun derjenige ist, der es länger schafft. Aber spätestens auf den ersten Konzerten war es dann zu sehen: Das Publikum war 1:1 das RTL-Publikum. Die hatten nichts mit Musik am Hut. Auch nicht wirklich mit der Person Tobias Regner. Die Konzerte waren eine Verlängerung der Show. Aber “The show must go on”. Die Fußball-WM löste die DSDS-Hysterie ab und jetzt gibt es schon einen neuen DSDS-Gewinner. So ist das halt.

Auch wenn das für die Sänger sicherlich eine Zeit lang spannend war (und für kurze Zeit auch monetär belohnt wurde), wenn es jemandem darum geht, eine Gruppe von Fans über einen längeren Zeitraum zu halten, ist der herkömmliche Weg mit eigener Band und eigener Musik wohl immer noch der bessere. Auch bei Tobias Regner wären dann sicherlich mehr als 28 Leute zum Konzert gekommen.

Deutsche nehmen Emails einfach nicht ernst

Dass Deutschland sich mitten in der Service-Wüste befindet, ist ja schon lange bekannt. Aber die strikte Weigerung von Firmen, auf Emails zu antworten, geht mir so was auf den Sack. Seit teilweise Wochen warte ich auf Antworten auf Emails von meinem Steuerberater, meinem Stromversorger, meinem Website-Host, meiner Hausverwaltung sowie dem Händler, von dem ich auf Ebay einen Schrank gekauft habe. Zum Teil habe ich die Email mehrfach geschickt (immer freundlich natürlich), aber auch angerufen, um nachzuhaken. Es ist dann auch nicht unüblich, dass die Sekretärin die Anwesenheit des Sachbearbeiters leugnet (was man daran merkt, dass sie hin und wieder vergisst, den “Ton unterdrücken” Knopf zu betätigen). Man bekommt also nur in seltenen Fällen den Verantwortlichen ans Telefon. Und zurückgerufen worden bin noch nie. (Wirklich nicht!)

Teilweise kann man die Firmen mit einem Wechsel zur Konkurrenz bestrafen, aber ich werde zum Beispiel nicht umziehen, weil meine Hausverwaltung schlechte Arbeit leistet. Oft ist ein Wechsel einfach zu aufwändig. Und genau aus diesem Grund können die meisten Dienstleister in diesem Land dann doch überleben. Da ist es doch eine gewisse Genugtuung, dass beispielsweise die Telekom momentan immer mehr Kunden verliert, weil der Service schlecht ist. Weiter so!

In meiner Zeit in Nordamerika habe ich übrigens mit großer Sicherheit Antworten auf meine Emails bekommen. Und das war 1998, als in Deutschland gerade mal fünf Leute eine Email-Adresse hatten, also während der Internet-Steinzeit auf dieser Seite des Atlantiks. Rein rechtlich gesehen ist es sogar so, dass so bald eine Firma eine Email-Adresse angibt, die dorthin gesendeten Emails dieselbe rechtliche Stellung haben wie ein per Post geschickter Brief. Man möchte also öfter mal mit dem Anwalt drohen, aber auch das ist teuer und diplomatisch gesehen nicht immer ratsam.

Ich kann also nur hoffen, dass die Deutschen endlich mal lernen, dass man Emails liest und sie auch beantwortet.